Eines Tages hatten wir, meine Mutter, Sandra meine Schwester und ich, endlich meinen Vater überredet, einen
Hund anzuschaffen. Zur Debatte standen ein Riesenschnauzer oder ein Boxer. Gott sei Dank setzte sich dieses
mal mein Vater durch und wir suchten uns einen Boxerwelpen. Über ein Tiergeschäft in München wurde uns ein
"Züchter" im Bayerischen Wald vermittelt. Heute wissen wir natürlich, dass wir uns absolut falsch verhalten haben.
Wir hätten uns an den Boxer-Klub wenden sollen, der uns dann an einen seiner registrierten Züchter verwiesen
hätte.
So aber standen wir eines Tages in einem Stall zwischen einem Rudel von Boxerwelpen. Einer von ihnen hatte
uns ausgeschaut und lief direkt auf meine Mutter zu. Sie nahm ihn auf den Arm und im Nu hatte uns Vento
adoptiert.
Die ersten Tage zu Hause waren nicht leicht, wir hatten schließlich keine Ahnung vom richtigen Umgang mit
Boxerwelpen. Auch wurde Vento gleich krank und sein Leben hing an einem seidigen Faden. Wir alle mussten nun
ausbaden, dass wir uns von einem "wilden Züchter" einen kranken Welpen nach Hause geholt haben.
Nach vielen Arztbesuchen und bangen Stunden stabilisierte sich Vento's Gesundheitszustand und die Erziehung
konnte beginnen. Und Vento verstand es recht gut, uns zu erziehen. Er war der liebste Hund und er machte
einfach Alles, Alles wozu er gerade Lust und Laune hatte.
Es wurde nun Zeit, sich Hilfe zu suchen.
Vento und die ganze Familie traten 1994 in den Boxer-Klub E.V. Sitz München, Gruppe Hachinger Tal ein. Dort
versuchte dann mein Vater, mit Hilfe von einigen oftmals verzweifelten Ausbildern, Vento die Grundbegriffe einer
anständigen Erziehung beizubringen. Mein Vater kämpfte tapfer gegen die Launen eines dickschädeligen
Boxerrüden und beide konnten schließlich erfolgreich die Begleithundprüfung ablegen.
Ich fuhr gerne auf den Hundeplatz und beobachtete amüsiert die Erziehungsversuche meines Vaters. Auch hätte
ich gerne dabei geholfen, aber das kleine 9 jährige Mädchen wurde natürlich nicht gefragt.
Zur gleichen Zeit wie wir trat auch "Hidda" mit ihrem Jeremy vom Dillberg in den Boxer-Klub ein. Jeremy und ich
freundeten uns an, und oftmals durften wir beide gemeinsam auf dem Hundeplatz rumtollen. Aber auch die ersten
Versuche als Hundeführerin durfte ich mit Jeremy machen. Bei einigen Jugend- und Gruppenturnieren gingen wir
erfolgreich an den Start.
Jeremy und ich
1999 zogen wir dann nach Ampfing bei Mühldorf am Inn. Jeremy und ich sahen uns nun recht selten. Einige
Zeit später wurde er leider sehr krank und musste eingeschläfert werden. Erstmals verlor ich einen lieben
Freund.
In Ampfing konnte unser Vento nun seinen eigenen Garten in Besitz nehmen. Inzwischen versuchte sich mein
Vater als Schutzdiensthelfer. Bei einem Lehrgang lernte er einen italienischen Boxerzüchter und Ausbilder
kennen, der ihm einen Welpen anbot. Es war ein Einhoder und in Italien wurden diese damals als nutzlos
angesehen. Also fuhren mein Vater und meine Schwester nach Verona, um den Boxerwelpen mit dem Namen
Boombastic del Pasquino nach Ampfing zu holen. Sogleich wurde er aber von unserem Vento adoptiert und
fortan waren sie unzertrennlich. Nur langsam verlor Boombastic seine Scheu und wurde ein schöner
Boxerrüde.
Da mein Vater mit Vento lediglich die BH schaffte, versuchte er sich nun als Hundeführer mit Boombastic. Aber
auch das war ohne Erfolg. Ich erlöste meinen Vater und übernahm mit meinen 15 Jahren die Ausbildung von
Boombastic. Inzwischen wechselten wir in die Gruppe Inntal-Mühldorf über. Nach zwei Fehlversuchen bestand
ich schließlich mit Boombastic die Begleithundeprüfung. Im Schutzdienst machte er aber größere Fortschritte
und schon bald vertraten wir beide unseren Verein bei der Bayerischen Pokalmeisterschaft recht erfolgreich.
2002 wurde dann aber leider unser Boombastic schwer krank. Wir haben alles versucht, fuhren in verschiedene
Tierkliniken, besuchten diverse Tierärzte und ließen nichts unversucht, unseren kleinen Italiener zu retten. Es
half alles nichts, und ich wusste, dass der Tag unserer Trennung immer näher kam
Zwischenzeitlich bekam Sigrid, eine Züchterin in unserem Verein, ihren zweiten Wurf. Schon wenige Tage
nach der Geburt der Welpen durften meine Mutter und ich die kleinen anschauen. Schon damals stand für
mich fest, dass auch ich eines Tages Boxer züchten möchte.
Boombastic litt immer mehr unter seiner Krankheit, wir zögerten aber immer noch, ihn zu erlösen. Ich wurde
immer trauriger, denn ich wusste, in den nächsten Tagen müssen wir mit Bumba zum Tierarzt. Natürlich
bekamen die Mitglieder in unserem Verein und meine Eltern mit, wie sehr mich Boombastic's Zustand
belastete.
Als ich mal wieder mit meinen Eltern bei der Züchterin war und mir die inzwischen 3 Wochen alten Welpen
anschaute, nahm Sigrid plötzlich eine kleine Hündin in die Hand und legte sie mir in den Arm: "Hier Sarah-
Lena, dass ist dein Weihnachtsgeschenk". Erst wusste ich gar nicht wie mir geschah, dann sah ich meine
Eltern erstaunt an. Als diese mir zulächelten habe ich es begriffen: ich habe einen kleinen Boxerwelpen
geschenkt bekommen, eine kleine zierliche Hündin, Beauty von der Einöde Stockmann. Heimlich hatten sich
meine Eltern und Siegrid besprochen und mir die kleine Hündin ausgesucht. Von nun an war ich fast täglich
bei der Züchterin, beschäftigte mich mit Beauty und half so gut ich konnte bei der Betreuung mit, bis die
Welpen acht Wochen alt waren. Dann kam der Tag, an dem wir Beauty abholten.
Stolz nahm ich Beauty mit nach Hause und sogleich hatte mich die Realität wieder eingeholt. Boombastic, von
starken Schmerzen geplagt, ließ sich nun von niemanden mehr anfassen. Er fletschte nun sogar bei meine
Vater die Zähne. Die Zeit war gekommen Bumba's Schmerzen wurden unerträglich. So entschloss ich mich
schweren Herzens, ihn zu erlösen. Mit meiner Mutter fuhr ich zum Tierarzt und Boombastic schlief friedlich in
meinen Armen ein.
Ich hatte zwar nun einen eigenen kleinen Welpen, aber ich musste immer an meinen treuen Boombastic
denken. Und noch jemand in der Familie litt sehr stark unter Bumba's Tod. Es war Vento, der nunmehr traurig
und freudlos durch den Garten schlich. Auch Beauty konnte ihn nicht aufmuntern, obwohl sie seine Nähe
suchte. Sie konnte ihm den Freund nicht ersetzen. Drei Wochen nach Boombastic's Tod starb unser alter
Vento an Herzversagen. Sein Herz versagte, weil er seinen Freund vermisste. Es war für uns alle eine
schwere Zeit. Die beiden Hunde fehlten uns sehr.
Unvergessen! Ohne Euch gäbe es keine Boxer von der Heldenburg
© Sarah-Lena Pastrik 2012